Seit wir den Pumo Ri bestiegen haben
verbringen wir bereits vier Tage in Pheriche auf 4240m. Unsere Wäsche
ist frisch gewaschen oder zumindest in kaltem Wasser naß
geworden und wir sind einigermaßen erholt. Das Wetter ist
stabil wie bisher, nur zieht in den tieferen Lagen jeden Nachmittag
der Nebel ein, wodurch die Luft deutlich abkühlt, das Licht
dämmrig erscheint und die Wärme der Gaststube mit dem
Yakshitbefeuerten Ofen ruft, um den wir dann die Sessel im Kreis
aufstellen...
Außerhalb von Kathmandu ein Permit
für die Ama Dablam zu bekommen ist so gut wie aussichtslos.
Jedoch - sicher ist nichts, vor allem in einem Land wie Nepal, wo
Korruption gang und gäbe ist. Wir lassen nichts unversucht,
sprechen mit allen möglichen Leuten, besuchen das Basecamp um
uns von der dortigen Situation ein Bild zu machen und ziehen auch
eine illegale Besteigung in unsere Überlegungen mit ein. Fest
steht, daß die Zeit knapp wird und wir eine Entscheidung
treffen müssen. Keine Ahnung, wie lange das gute Wetter noch
hält. Wetterbericht gibt es hier auch keinen. Flo ist noch an
der einen oder anderen Kajaktour interessiert und tendiert deswegen
dazu, bald abzusteigen, Paul hat seinen Rückflug nach England
eine Woche vor uns gebucht. Somit stehe ich etwas in der Mitte -
kajakfahren oder noch einen anderen Berg besteigen? Da kommt Peter,
der Arzt der Himalayan Clinic, über beide Ohren grinsend, bei
der Türe herein und berichtet, unser Mann sei da, Gerry Scott,
der Leiter einer amerikanischen Ama Dablam Expedition. Wir werden
hellhörig, gestern sind zwei seiner Expeditionsmitglieder aus
gesundheitlichen Gründen mit dem Helicopter ausgeflogen worden
und wir könnten an deren Stelle den Berg besteigen. Wenig später
steht der Amerikaner selbst vor uns. Am nächsten Morgen werden
wir uns einig, gegen einen angemessenen Geldbetrag will er die Namen
auf seinem Gruppenpermit ändern und wir sind dabei.
Der kleine Ort bietet nicht viel
Gelegenheit zum Einkaufen, trotzdem bekommen wir alles, was wir für
acht Tage brauchen, länger sollte die Besteigung nicht dauern.
Nudeln, Thunfisch, Fertiggerichte, Müsliriegel. Vom
Lodgebesitzer bekommen wir Tsampa Porridge für's Frühstück
geschenkt, das ist eine Art Mehl, vermutlich Malzmehl, das mit heißem
Wasser zubereitet wird und an Grießbrei erinnert.
Zwei Yaks
tragen unser Gepäck ins Basecamp. Um wegen einer Bachquerung
nicht unnötig viele Höhenmeter bis zur nächsten
Ortschaft absteigen zu müssen, versuchen wir unser Glück
weiter oben und sind nach einigem Suchen auch erfolgreich.
Über
braune, verdorrte Grashänge, durch verfallene Siedlungen und
steinige Hänge führt der Weg zum Lager,
wo bereits die
Gruppe von Gerry, sowie koreanische Bergsteiger ihre Zelte
aufgeschlagen haben. Die Yaks mit unseren Packsäcken sind
ebenfalls hier. Nachdem unsere Zelte stehen, verzehren wir die
Erdäpfel, die wir ebenfalls in der letzten Herberge geschenkt
bekommen haben, verfeinert mit Thunfisch und Curry. Die Koreaner sind
recht luxuriös unterwegs, ihr mit Benzin betriebener
Stromgenerator läßt uns einige Zeit wach liegen.
Lange bevor die ersten Sonnenstrahlen unser Zelt treffen sind die Ersten auf und unterwegs Richtung Hochlager. Wir stehen mehr auf die gemütliche Variante. Alles Material, welches wir nicht für die Tour benötigen, deponieren wir bei Gerrys Küchenteam, bevor wir uns auf den Weg machen. Der Weg ist lange - ewig lange, die Rucksäcke schwer. Haben wir wirklich soviel mehr mit als am Pumo Ri? Zwar tragen wir nur ein kurzes Halbseil anstatt zweier 55m Zwillingsseile mit, dafür aber die komplette Campausstattung und Essen für fünf Tage. Außerdem transportieren wir diesmal alles auf einmal, um nicht doppelt gehen zu müssen und Zeit zu verlieren. Die alten Gletschermoränen scheinen kein Ende zu nehmen. Ist eine erklommen, kommt nach einem kurzen flachen Stück schon die nächste, die genauso wie die vorhergehende über einen schmalen, sandigen Pfad erklommen wird, der sich um die herumliegenden, rundgeschliffenen Felsblöcke windet. Immer öfter bleibe ich stehen, um meinem Rücken eine kurze Erholungsphase zu gönnen und zu trinken oder mit einem Schokoriegel meine Muskeln bei Laune zu halten. Endlich, der Moränengrat ist bezwungen, dahinter liegt eine riesige Schutthalde. Von der Weite sehen die Steine niedlich aus, das geschulte Auge läßt aber vermuten, daß die Dinger wohl Boulderblöcke mit mehreren Metern Durchmesser sind.
Paul und Flo haben die beiden Zelte im
ABC auf 5000m aufgestellt. Zwischen den Felsen finden wir etwas Eis
für Trinkwasser und Essen. Zum Weitergehen in das erste
Hochlager, wie wir eigentlich geplant hätten, sind wir zu müde
und die Uhrzeit zu fortgeschritten. Beim Kochen wärmen uns die
letzten Sonnenstrahlen, bevor der Nebel das Tal heraufzieht. die
Sonne den Graten im Südwesten langsam entlangwandert und
schließlich vollkommen verschwindet.
Zum Ausgleich ist die folgende
Tagesetappe kurz. Über die meterhohen Felsklötze arbeiten
wir uns mühevoll höher, immer wieder in dem
unübersichtlichen Gelände den Weg suchend. Hin und wieder
ein Steinmann, ein von der ultravioletten Strahlung ausgebleichtes
Fähnchen oder ein Schuhabdruck in einem Schneerest sagen uns,
daß wir richtig sind. Das Tagesziel ist, mit den bunt
leuchtenden Zelten markiert, immer klar zu erkennen. Nach dem
Felsirrgarten folgt eine Plattenzone. Glatte Platten, meist flach
genug, um ohne Hilfe der vorhandenen Fixseile weiterzukommen, ein
absoluter Genuß nach den letzen Höhenmetern. Schnell sind
wir darüber hinweg und kurz später im Lager Eins. Wir
hätten Chancen bis ins Lager Zwei vorzustoßen, beschließen
aber, hier zu bleiben und auszuruhen. Später kommen zwei Nepali
von oben und Gerry mit zwei seiner Gäste vom Basecamp mit
leichtem Gepäck, deren Zelte und Essen wurde bereits, wie bei
allen organisierten Expeditionen üblich, in den Tagen zuvor von
Hochträgern heraufgebracht, die sich auch um die Seile und
Fixpunkte kümmern.
Die Nacht bringt nichts Gutes, heftiger
Wind und Schneefall lassen uns in einer Winterlandschaft erwachen.
Der Grat ins nächste Camp erscheint uns zu ausgesetzt, um bei
diesem Wetter weiterzugehen. Tagsüber läßt der Wind
etwas nach, das Schneetreiben wird schwächer, nur die Sonne läßt
sich nicht blicken. Lange Diskussionen im Zelt. Wie lange wird das
Schlechtwetter anhalten? Wie lange kommen wir mit unseren
Essensvorräten aus? Wie lange haben wir Zeit um rechtzeitig in
Lukla zu sein und den Flug nach Kathmandu zu erreichen? Wie lange
reicht das Gas zum Schneeschmelzen und Kochen? Gerry hat wegen der
krankheitsbedingten Ausfälle zuviel Essen in den Hochlagern und
bietet uns dieses an, Gas sollte auch kein Problem darstellen. Bleibt
nur noch zu hoffen, daß das Wetter genauso schnell besser wird
wie es schlechter geworden ist und der frisch gefallene Schnee ein
Weiterkommen nicht unmöglich oder wegen Lawinengefahr zu
gefährlich macht. Wir können nichts anderes tun als
abwarten - und Tee trinken.
Der folgende Morgen bricht an und wir
trauen unseren Augen abermals nicht, einige Zentimeter
frischgefallener Schnee glitzern und funkeln in den Sonnenstrahlen
eines perfekten Tages. Der Himmel dunkelblau, die Ama Dablam in ein
frisches weißes Kleid gehüllt.Wir verlieren keine Zeit und
packen. Die Amerikaner gehen vor uns weg, stehen allerdings kurz
später wieder im Lager und meinen, den Verhältnissen nicht
gewachsen zu sein. Die anderen von Scotts Team, die den
Schlechtwettertag im oberen Lager verbracht haben, lassen über
Funk wissen, daß sie zum Gipfel unterwegs sind. Wir lassen uns
nicht abschrecken und beginnen, uns einen Pfad durch das unverspurte
Weiß zu bahnen. Nach kurzer Querung unterhalb des Grates
beginnt das Fixseil, das ohne wesentliche Unterbrechungsstellen von
hier bis zum Gipfel führt. Die Steighilfe als Sicherung ins Seil
eingehängt, überwinden wir kletternd Felsblöcke,
queren glatte Platten, Schneefelder, durchsteigen Rinnen und tänzeln
über ausgesetzte Gratpassagen.
Den Höhepunkt stellt wohl
eine rund fünfzehn Meter hohe Felswand dar, die ohne Seilhilfe
mit UIAA 6 bewertet wird. Selbst mit Hilfe der vielen herabhängenden
Seile ist die senkrechte Platte mit abschließendem Überhang
eine anstrengende Herausforderung. Flo, der zum ersten Mal mit einer
Steigklemme unterwegs ist, lernt unter Fluchen und Schnaufen auch
damit zurechtzukommen und sich wie eine Raupe auf einem seidenen
Faden fortzubewegen.
Paul beschwert sich während seines Kampfes
lediglich lautstark und ausführlich mittels mäßig
gesellschaftsfähiger Ausdrücke darüber, daß
gerade hier dynamische Seile hängen und nicht statische wie in
der restlichen Route. Der Jojoeffekt ist kräfteraubend und ich
bekomme kaum Luft, als ich nach getaner Arbeit am Standplatz ankomme,
der nur durch einen kurzen Grat vom, auf einem ausgesetzten Felsturm
gelegenen, Camp getrennt ist. Viel Platz bietet der kleine auf 6000m
angelegte Zeltplatz nicht und die besten Plattformen sind natürlich
bereits vergeben.
Pauls kleines Zelt findet problemlos Platz, die
grüne Kuppel von Flo nicht. Das quadratische Innenzelt steht
gerade noch auf festem Boden und aufgeschlichteten Steinen, während
die Stange der einen Abside nur zur Hälfte zusammengesteckt an
Felsen ansteht, aber die andere Seite über einen mehr als
einhundert Meter tiefen Abgrund hinausragt. Wir versuchen das GLanze
positiv zu sehen und brauchen für dringende Geschäfte
wenigstens das Zelt nicht zu verlassen. Gekocht wird aus Platzgründen
in unserem Zelt, die Fertignahrung der Amis ist eine willkommene
Abwechslung und wir haben jetzt mehr als genug davon. Spät kommt
schließlich die Gipfelgruppe zurück, nur ein Teil war
erfolgreich, der Rest ist immerhin bis auf 6300m vorgestoßen.
Von den Strapazen des Tages gezeichnet, berichten sie kurz über
gute Bedingungen, bevor sie ihre Kocher anwerfen und Ruhe einkehrt.
Der Aufbruch am Gipfeltag erfolgt bei
besten Voraussetzungen. Der Felsaufbau neben dem Camp ist schnell
umrundet. Mit Steigeisen an den Schuhen uberwinden wir im Schatten
gelegene Eis- und Felsrinnen, bis wir wieder auf einem sonnigen
Firngrat stehen. Dieser weist einzelne, teils überhängende
Unterbrechungsstellen auf, wir folgen ihm bis ins Lager Drei auf
6300m.
Da wir bereits von unseren vorherigen Touren ausgiebig
akklimatisiert sind, lassen wir diese Nächtigungsmöglichkeit
aus und bezwingen nach einer Pause einen 45° Hang neben dem
markanten Hängegletscher, danach folgt eine kurze Querung über
Blankeis und eine Firnrinne auf einen Absatz. Wieder sind die letzten
200m anstrengend, die Gedanken kreisen um das Warum, obwohl ich genau
weiß, daß ich beim Abstieg schon an den nächsten
Berg denken werde. Warum stehe ich wieder einmal auf einem Berg,
immer wieder das gleiche Spiel, ist es eine Sucht oder das Ausreizen
des für mich Machbaren? Wo ist die Grenze? Weiter setze ich
monoton einen Fuß vor den anderen, mit jedem Schritt 25cm
Höhengewinn... Ein von unten schlecht ausnehmbarer Grat inmitten
des Gipfelschneefeldes sowie Rinnen führen schließlich mit
gut 40° Neigung zum höchsten
Punkt auf 6865m.
Beim Abseilen an den vorhandenen Seilen ist Vorsicht geboten. Die Seile sind zu unserer Verwunderung in erstaunlich gutem Zustand, die als Anker dienenden Aluprofile finden jedoch oft wenig Halt in dem lockeren, körnigen Firn. Tatsächlich ertappe ich mich nach wenigen Minuten dabei, mir über das nächste mögliche Ziel Gedanken zu machen. Gerade erst den Gipfel verlassen, ja, noch nicht einmal die halbe Reise hinter mir, die Anstrengung des Aufstieges noch spürbar, denke ich schon wieder an Routen, die mir sicher nicht weniger abverlangen werden, vielleicht eine noch größere Herausforderung darstellen. Plötzlich gibt der Schnee unter Florians Füßen nach, er beginnt zu rutschen. Während er zur Seite pendelt, gibt die Verankerung neben mir nach - das Aluminiumprofil wird aus dem Schnee gerissen - er rutscht weiter auf eine Spalte zu - das nach oben führende Seil beginnt sich zu spannen - ich werde ebenfalls mitgezogen. Aus meinen Gedanken gerissen, auf den folgenden Ruck bereits gefaßt, versuche ich den Sturz zu halten und kann ihn zumindest soweit abbremsen, daß der Firnanker oberhalb hält, den Paul geistesgegenwärtig zusätzlich mit seinem Körpergewicht in den Schnee preßt. Flo sucht neuen Boden zum Stehen und quert vorsichtig dem unteren Spaltenrand entlang zum Absatz. Ohne weitere Zwischenfälle erreichen wir Lager Drei und zuletzt unsere Zelte, in denen wir trotz gerechtfertigter Müdigkeit noch ausgiebig kochen und lange plaudern.
Beim weiteren
Abstieg kommen uns etliche Koreaner und deren Guides entgegen, im
Hochlager Eins stehen ein paar neue Zelte von Amerikanern und auf
Höhe des vorgeschobenen Basislagers treffen wir Südtiroler,
die berichten, daß im Basecamp momentan ein Laisonofficer ist.
Das bedeutet für uns beim Eintreffen im Basislager Probleme, da
Gerry Scott's Gruppe bereits abgereist ist und der Beamte sich nicht
mit unserer Aussage, auf dem Permit der Gruppe aus Colorado zu
stehen, zufrieden gibt. Wir müssen unsere Namen angeben, die
Reisepässe behaupten wir in Lukla gelassen zu haben. Bei den
Köchen einer anderen Expedition bekommen wir unser deponiertes
Gepäck und gehen mit drei Trägern, die wir kurzfristig
engagieren können, bis Pengboche, wo wir bei Einbruch der
Dunkelheit ankommen. Am nächsten Tag marschieren wir verärgert
über Gerry und verunsichert wegen dem Officer nach Namche
Bazaar, wo wir wieder auf die Scott-Gruppe treffen und der
Expeditionsleiter zu der Geschichte meint: “I couldn't set your
names on the Permit. Maybe you are in serious troubles.” und
uns unverzüglich unser Geld zurückerstattet. Wir haben zwar
unser Geld wieder, unsere Situation ist jedoch nicht besser geworden.
Wir wollen so schnell wie möglich das Land verlassen, bevor der
Laisonofficer die Behörden in Kathmandu verständigen kann
und wir vielleicht in Nepal festsitzen.
Über Nacht
fällt Schnee, ich komme mir vor wie bei einem
Weihnachtsspaziergang im Wienerwald. Wir verlassen Namche Bazaar und
einen Tag später mit dem Flugzeug Lukla. Zurück in der
Hauptstadt
buchen Flo und ich unseren Flug nach Bangkok um, wir wollen eine
Woche früher als geplant aus Nepal ausreisen. Doch da fangen die
Schwierigkeiten erst so richtig an. Gerry und der Manager der
nepalesischen Trekkingagentur, über die er die Tour gebucht hat,
suchen uns im Hotel Horizon auf,
um uns mitzuteilen: “You are
in big troubles with the Immigration. But we can help you.”
Angeblich erhält die Agentur wegen unserer Besteigung 2000USD
Garbagedeposit nicht zurück, jenen Betrag, der von jeder
Expedition hinterlegt werden muß, damit sichergestellt wird,
daß der Müll wieder ins Tal mitgenommen wird. Wenn wir
2000USD an die Agentur bezahlen, will deren Laisonofficer von
weiteren Schritten Abstand nehmen und wir können ungehindert
ausreisen. Wem dürfen wir uns anvertrauen, wem über die
Geschichte berichtenohne noch mehr Probleme zu bekommen? Wie können
wir mehr über die tatsächliche Situation herausfinden ohne
daß Informationen in falsche Hände gelangen.
Jeder könnte
unser Freund, aber genauso gut unser Feind sein. Nach drei Tagen und
einigen längeren Diskussion einigen wir uns auf 500USD pro
Person, das restliche Viertel der Gesamtsumme übernimmt Scott.
Nach unserer Ausreise erfahren wir von Liz Hawley, einer Reporterin,
die über alle Besteigungen im Himalaya peinlich genau Buch führt
und auch alles weiß, daß wir wohl von der Agentur
ausgenommen worden sind, da im Ministry of Tourism keine genaueren
Daten über uns vorliegen und der Beamte vom Basislager glaubt,
wir hätten ihm falsche Namen gegeben und keine weitere
Nachforschungen anstellen wird. Somit war die Besteigung zwar
illegal, jedoch um zumindest 150USD billiger als ein offizielles
Permit.